Männliche Fische verschwinden

Weibliche Hormone widerstehen den Kläranlagen

19.12.2007 Nicoletta Renz

Mit natürlichem Östrogen kommen Fische zurecht - es ist das künstliche Östrogen aus der Pille, das sie nicht verdauen können: Sie verändern ihr Geschlecht.

Dass manche Fischarten ihr Geschlecht ändern können, ist an sich nichts neues. Der Blaukopf-Junker (Thalassoma bifasciatum) zum Beispiel entscheidet sich als Jungtier entweder Männchen oder Weibchen zu werden, je nach Anzahl männlicher oder weiblicher Fische seiner Art in seiner Umgebung. Die Junker gehören zu den Lippfischen (Labridae), die im flachen, küstennahen Wasser aller Weltmeere vorkommen. Die meisten der 500 Arten ändern im Laufe ihres Lebens ihr Geschlecht, um die Chancen für die Fortpflanzung zu erhöhen.

Ein Drittel aller männlichen Fische plötzlich weiblich

Aber nicht alle Fischarten spielen so einfach mit den Geschlechtergrenzen, unsere europäischen Süβwasser-Arten sind für gewöhnlich sehr viel konservativer, was die Geschlechterrollen angeht. Und diese Arten stehen vor einem groβen Problem: Die männliche Population schwindet. Männliche Fische in unseren heimischen Gewässern werden durch künstliche Hormone wie Östrogen im Abwasser zusehends verweiblicht. Wissenschaftler an der Universität in Exeter haben nachgewiesen, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Pille – Abwasser und dem Fischgeschlecht gibt.

Die Gruppe um Professor Charles Tyler kommt in einer Vergleichsstudie zu einem eindeutigen Ergebnis: In englischen Gewässern tragen ein Drittel der männlichen Fische weibliche Charakteristika. Je näher die Fische an einer Kläranlage leben, desto ausgeprägter sind diese. Untersucht wurde die Population der Regenbogenforelle (Oncorhynchus mykiss) und das zu den Karpfenfischen gehörende Rotauge (Rutilus rutilus) über einen Zeitraum von sieben Jahren.

Anti-Baby-Pille für Karpfen

Die Pille ist Schuld: Kläranlagen können die Hormone, die in der Pille vorkommen, nicht aus dem Abwasser filtern und diese gehen so nahezu unbehandelt in die Flüsse und das Trinkwasser zurück. Kleine Mengen von dem künstlichem Östrogen Ethinyl-Estradiol aus der Anti-Baby-Pille reichen anscheinend aus, um ganze Fischvölker auszulöschen, denn die männlichen Fische fangen unweigerlich an, das typische Protein zur Eiproduktion zu bilden. Schon bei einer Konzentration von 0,3 Nanogramm je Liter Wasser verändert sich der sensible Fisch-Organismus.

Das Phänomen ist weltweit zu beobachten und so erstaunt es nicht, dass eine weitere Forschergruppe in den USA zu dem gleichen Ergebnis kommt. Umgekehrt stellten die Forscher um Karen Kidd ebenso fest, dass auch bei den weiblichen Fischen massive Veränderungen feststellbar sind: Sie produzieren zwar wesentlich mehr Eier als normal, aber ihre sexuelle Entwicklung verlangsamt sich. Die gesamte Population der Fische ist nicht mehr in der Lage sich zu vermehren.

Auswirkungen auf den Menschen?

Neben der Pille steht auch das synthetisch erzeugte Nonylphenol, das als Waschmittel-Zusatz auftaucht, unter Verdacht den Hormon-Haushalt eines männlichen Fisches nachhaltig durcheinander zu bringen. In Blut und Leber männlicher Fische bilden die im Schlamm gebundenen synthetischen Hormone das Eiweiß Vitellogen, das sich normalerweise nur in weiblichen Fischen findet.

Natürlich stellt sich angesichts dieser Ergebnisse auch die Frage, ob diese Umweltgifte im Wasser auch die Spermienqualität bei Männern schädigen oder Vaginalkrebs bei Frauen begünstigen. Die bislang im Grundwasser gefundenen Konzentrationen sind zu niedrig, um im menschlichen Organismus Schaden anzurichten - da sind sich die Wissenschaftler einig. Offen bleibt allerdings, ob und wie die Stoffe miteinander reagieren und wie dieser Giftcocktail über eine lange Zeitspanne auf den Menschen wirkt.

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